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22. März 2010
 

heute-Nachrichten

 
Stimmzettel. Quelle: imago

"Wer heute nicht wählt, darf später nicht meckern"

Experten rechnen mit geringerer Wahlbeteiligung als 2005

von Kathrin Klöpfer

Es geht um die Macht in Deutschland - doch Experten rechnen damit, dass heute noch weniger Menschen zur Bundestagswahl gehen als beim historischen Tief 2005. Damals blieben vor allem junge Wähler zu Hause. Gelingt es diesmal, sie zu mobilisieren?

 
 
 
 

Die Klingel läutet, ein junger Mann in Anzug und Krawatte steht vor der Tür. "Guten Tag, ich bin Ihr Abgeordneter. Darf ich reinkommen?" Schon ist er in der Wohnung und stellt sich dem WG-Test. Er mixt rote, gelbe, grüne, schwarze und pinkfarbene Cocktails, spült Weingläser und schleppt bunte Taschen die Treppe hoch. Am Ende fällt die WG ihr Urteil über den Kandidaten.

 

Wie die Entscheidung über einen neuen Mitbewohner stellt die "Wahlgang"(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) die Abstimmung bei der Bundestagswahl in einem Internet-Video dar. Der Spot ist eines von vielen Mitteln der Kampagne, mit der junge Leute andere junge Leute zum Wählen motivieren wollen. Denn die blieben 2005 besonders häufig zu Hause.

2005 niedrigste Wahlbeteiligung

77,7 Prozent der Deutschen gingen vor vier Jahren wählen, die geringste Beteiligung, seit es Bundestagswahlen gibt. Noch niedriger waren die Zahlen der Erst- und Jungwähler: Von den unter 21-Jährigen machten 70 Prozent ihre Kreuzchen, von den 21- bis 25-Jährigen nur 66,5 Prozent. "Es gibt offensichtlich Probleme, junge Leute zum Wählen zu animieren", sagt Lena Lazaro, 26, Projektleiterin der "Wahlgang". "Viele fühlen sich von der Parteipolitik nicht richtig angesprochen."

 
Beteiligung an der Bundestagswahl.

 

Wie hoch wird die Wahlbeteiligung diesmal insgesamt sein? "Geringer", sagt der Politik-Professor Karl-Rudolf Korte. "Denn die Leute können die Regierung nicht abwählen." Ein wichtiger Grund, zur Wahl zu gehen, fehlt: Mindestens einer der beiden aktuellen Koalitionspartner, Union oder SPD, wird an der Macht bleiben.

 

Mehr Jungwähler durch Piraten?

Allerdings rechnet Korte damit, dass dieses Mal mehr junge Menschen wählen gehen als 2005. "Mit den Piraten gibt es zum ersten Mal eine Partei, die aus der Internetgemeinde kommt. Und das ist die Lebenswirklichkeit der Jungwähler." Die etablierten Strukturen der anderen Parteien seien selbst für eine hochpolitische junge Generation wenig attraktiv, ihre Ansprache sei eher an die Älteren gerichtet.

 

Infobox

So funktioniert der Wahltag

62,2 Millionen Deutsche können heute den neuen Bundestag wählen. Außerdem stehen in Brandenburg und Schleswig-Holstein Landtagswahlen an. Die Wahllokale sind von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

Jeder Wähler hat zwei Stimmen für die Bundestagswahl - die erste für den Wahlkreisabgeordneten, die zweite für die Landesliste einer Partei. Mehr zu Erst- und Zweitstimme, Fünf-Prozent-Hürde, Prognosen und vielen anderen Begriffen rund um die Wahl finden Sie im ZDF-Wahl-Lexikon.

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Auch Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen rechnet damit, dass die Wahlbeteiligung insgesamt niedriger ausfällt als 2005. "Der Grad der Polemisierung und Polarisierung war in diesem Wahlkampf gering", sagt er. Der leidenschaftliche Streit, der auch unpolitische Menschen an die Urnen treibt, fehlt.

Im jüngsten Politbarometer - das vor zehn bis zwölf Tagen erhoben wurde - erklärten erst 59 Prozent der Befragten, sich schon sicher zu sein, wen sie wählen werden. 15 Prozent waren noch unsicher (2005: elf Prozent), und 26 Prozent der Befragten gaben an, dass sie gar nicht zur Wahl gehen oder noch nicht wissen, ob und wen sie wählen werden (2005: 21 Prozent). Damit ist sehr spannend, ob die knappe Mehrheit für Schwarz-Gelb, die die letzten Umfragen ergaben, am Wahlabend Wirklichkeit wird.

 

Spontane Entscheidung

Die größere Zahl der Unentschlossenen muss aber laut Jung die Wahlbeteiligung nicht zwangsläufig drücken: "Ein Teil der Menschen entscheidet noch am Wahltag, ob er wählen geht." Gerade unpolitische Menschen überlegten es sich spontan. "Die Zahl der Leute, die sich für Politik interessiert, ist kleiner als die der Wähler", sagt Jung. "Und für die meisten ist die Bundestagswahl die wichtigste Abstimmung, so dass sich die Wahlbeteiligung ganz gut halten kann."

 
isotype

 

Nach den Negativwerten 2005 werden die Jungen dieses Mal auf jeden Fall einen Rekord brechen: 3,5 Millionen Erstwähler können abstimmen, so viele wie noch nie. "Wahlgangster" wie Lena Lazaro kämpfen darum, dass möglichst viele von ihnen tatsächlich ihre Kreuzchen machen. "Die Wahl ist der Weg, Entscheidungen zu beeinflussen", sagt die Studentin. "Wer heute nicht wählt, darf später nicht meckern."

 

Aus diesem Grund würde sich auch kein Mitbewohner beim WG-Casting heraushalten. Daumen rauf oder Daumen runter für den Kandidaten - das ist die Frage am Ende des Spots. Der Mann in Anzug und Krawatte sitzt hoffnungsfroh im Wohnzimmer, im Treppenhaus steht eine Reihe weiterer Interessenten. Die klare Botschaft der "Wahlgang": "Du bist die Jury."