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21. November 2009
 

heute-Nachrichten

 
Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Quelle: dpa
Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier

TV-Duell

"Massenformat mit hoher Journalistendichte"

Vor- und Nachteile der TV-Duelle deutscher Machart

von Sebastian Voss

Ursprünglich eine US-amerikanische Erfindung, kommt auch der deutsche Wahlkampf spätestens seit Beginn dieses Jahrhunderts nicht mehr ohne TV-Duelle aus. Warum ist das so und worauf kommt es bei diesem Kampf an?

 
 
 
 

So martialisch geht es nur in Deutschland zu: Überall im Rest der Welt spricht man von schlicht von "Debatten". "Duelliert" wird sich da nicht - schon gar nicht mit Damen. Erfunden wurden die "Presidential Debates" in den USA - und zwar schon lange bevor es Fernsehen gab.

 

Schon 1858 debattierte Abraham Lincoln mit Stephen Douglas sieben Mal öffentlich über die Frage der Sklaverei. Beide hatten im Vergleich zur Kanzlerin und ihrem Herausforderer 2009 ausreichend Zeit, ihre Positionen darzulegen: Allein die ununterbrochene Redezeit betrug 60 Minuten.

John F. Kennedy. Quelle: reuters
reuters
John F. Kennedy: Sieger gegen Richard Nixon.

Presidential Debates

1948 wurden die Debatten erstmals im Radio übertragen, 1956 folgte das Fernsehen mit einer Veranstaltung aus dem Vorwahlkampf. Die "Presidential Debates" im TV begannen vier Jahre später mit einem Klassiker: Richard Nixon gegen John F. Kennedy. "Tricky Dick" Nixon galt als klarer Favorit, aber er ging krankheitsgeschwächt, schlecht rasiert und schlecht vorbereitet ins Studio. Kennedy trat sonnegebräunt und souverän auf, spielte mit der Kamera und wandte sich direkt ans Publikum.

Nixon verlor nicht nur die Duelle, sondern auch die Wahl. Auf Inhalte kam es weniger an: Journalisten stellten schon am nächsten Tag fest, dass nur Stunden später sich nur noch wenige Zuschauer daran erinnern konnten, was die Kandidaten gesagt hatten. An der medialen Performance des Siegers JFK mussten sich alle nachfolgenden Redner orientieren.

Duell '69: Das ZDF will nicht

Auch Willy Brandt, der 1969 in Deutschland die Idee aufgriff und als junger Kandidat für die SPD den Amtsinhaber Georg Kiesinger herausforderte. Das Duell sollte im ZDF laufen, aber der Kanzler weigerte sich. Auch im ZDF war man von der Idee nicht überzeugt. Drei Jahre später war es dann Bundeskanzler Brandt, der kein Duell mehr wollte.

So blieb es über Jahrzehnte bei größeren Spitzenkandidaten-Runden und Duellen auf Landesebene. Besonders das Interesse an den bundespolitischen "Elefantenrunden" nahm immer weiter ab. In den USA erreichen die Presidential Debates TV-Quoten wie Sportgroßereignisse. Die Debatte zwischen Ronald Reagan und Jimmy Carter sahen 1980 rund 100 Millionen Menschen. In Deutschland schalteten bis Ende der 80er Jahre deutlich weniger als 40 Prozent der Zuschauer ein. Und das, obwohl es - anders als in den USA - kein Alternativprogramm gab.

Zitat

„Bestimmte Gesprächssituationen werden wie im Fußball per Videoanalyse seziert.“

Christoph Bieber

Professionelles Coaching

Der Aufwand, mit dem sich in den USA die Kandidaten und ihre Teams auf die Auftritte vorbereiten, ist immens. Christoph Bieber ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er sagt: "In den USA ist man dazu übergegangen, die Gespräche mit Doubles nachzustellen, die inhaltlich und idealer Weise auch im Auftreten den Gegnern in den Duellen ähneln. Das können Journalisten sein, aber auch Politiker, durchaus ein Gouverneur oder Senator. Mir ist nicht bekannt, dass man das in Deutschland schon so weit vorangetrieben hat."

 

Aber Anleihen beim Sportlern und Journalisten sind auch hier üblich. "Bestimmte Gesprächssituationen werden wie im Fußball per Videoanalyse seziert. Mimik, Gestik, teilweise auch die Struktur der Antworten werden angeschaut und dann so geübt, wie es in der Fernsehjournalisten-Ausbildung üblich ist", so Bieber.

Zitat

„Die weichen Faktoren wie Gestik, Mimik, Körpersprache haben in den Befragungen nach den letzten Debatten vor allem unmittelbar nach der Sendung großen Einfluss auf die Meinungsbildung gehabt.“

Christoph Bieber

Weiche Faktoren wirken kurz

"Die weichen Faktoren wie Gestik, Mimik, Körpersprache haben in den Befragungen nach den letzten Debatten vor allem unmittelbar nach der Sendung großen Einfluss auf die Meinungsbildung gehabt", sagt der Politologe. In einigen Untersuchungen habe sich das Urteil der Befragten aber später geändert. Man könne daher die harten und weichen Faktoren eigentlich nicht voneinander trennen.

2002 schaffte es dann der nicht unbedingt als charismatisches Redetalent geltende bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CDU), sich mit "Medienkanzler" Gerhard Schröder (SPD) im Bundestagswahlkampf 2002 in zwei Duellen zu messen. Stoiber behauptete sich für viele Beobachter überraschend gut - die Zuschauer aber gaben im Anschluss mehrheitlich zu Protokoll, nur wenig neue Erkenntnisse gewonnen zu haben. Die Einschaltquoten aber waren gut und wurden 2005 bei den Aufeinandertreffen Schröder-Merkel noch besser.

 
 
TV-Duell Schröder-Merkel. Quelle: ZDF
ZDF
Gut geguckt: TV-Duell Schröder - Merkel

Christoph Bieber. Quelle: Christoph Bieber
Christoph Bieber
Christoph Bieber, Politologe und Medienexperte

Zurück in der Wahlkampfsphäre

Eine Besonderheit der Debatte am 13. September liegt darin, dass die Bundeskanzlerin und ihr Außenminister sich aus der täglichen Kabinettsarbeit genau kennen und um ihre rhetorischen Fähigkeiten wissen. Für beide gilt, was für alle TV-Debatten gilt: Es gibt meist mehr zu verlieren als zu gewinnen.

"Tendenziell mehr zu verlieren hat die Kanzlerin. Die Debatte ist in den letzten Tagen darauf hinaus gelaufen, dass sie sich dem Wahlkampf mehr oder weniger verweigert", meint Christoph Bieber. Die öffentliche Nachfrage nach dem Duell sei aber inzwischen derart groß, dass eine Weigerung teilzunehmen "genau wie in den USA als Kneifen ausgelegt würde, das konnte sich auch Frau Merkel nicht erlauben. Das kann man als Bruch, als Wiedereintreten in die Wahlkampfsphäre interpretieren."

Zitat

„Die hohe Journalistendichte ist für das Endprodukt nicht glücklich.“

Christoph Bieber

Spätentwickler Deutschland

Am Sonntag werden die beiden Kandidaten vier Journalisten gegenüberstehen - international ein Anachronismus. Dieses "Press Panel" wurde 1960 in den USA praktiziert. Es gibt den Journalisten viel Redezeit, aber wenig Kontrolle über die Gesprächsführung. Bieber bringt es auf den Punkt: "Die hohe Journalistendichte ist für das Endprodukt nicht glücklich."

 

In den USA hat sich daher eine Mischung aus mehreren Debatten mit nur einem Moderator und so genannten "town hall meetings" mit Zuschauerbeteiligung durchgesetzt, organisiert von einer unabhängigen Organisation. Das Fehlen einer solchen Instanz öffnet nach Ansicht Biebers "dem Geschacher ums Format Tür und Tor".

 

Langsame Modernisierung

Eine schnelle Veränderung ist für ihn in Deutschland aber nicht in Sicht. "Das 'klasssische' Duell wird sicher auch in vier Jahren noch Bestand haben, aber dann vielleicht ergänzt durch eine 'town hall', um die man sich bewerben kann, mit Studio- und Online-Publikum, das sich einbringen kann."

 

Versuche, die Neuen Medien stärker mit einzubeziehen, sind auch in den USA bisher nicht wirklich erfolgreich verlaufen. Eine einzige Debatte vor den Präsidentschaftswahlen 2008 wurde vorsichtig über die Plattform 'MySpace' für eine breitere Öffentlichkeit geöffnet - den Löwenanteil der Fragen aber stellten nach wie vor die Profis, die Journalisten.

 

Vielleicht ist das auch der dem TV-Duell angemessene Modus. Schließlich ist es ein Massenformat, so Christoph Bieber: "Man erhält einen kurzen,knappen Einstieg in das Wahlkampfgeschehen. Diejenigen, die sich umfassend in allen Medien informieren, werden nichts Neues erfahren, es sei denn, es kommt zu einem Patzer."
Ein klassisches Fernsehformat für die Couch also.