Sechs Millionen! So viele Einwohner haben Berlin, Hamburg und Köln ungefähr zusammen. Und so viele Wähler sind der SPD innerhalb der letzten zehn Jahre davongelaufen. Die "alte Tante" ist schwer krank, sie hat mehrere Krankheiten gleichzeitig.
Multimorbidität: Die Patienten, die an vielen Krankheiten gleichzeitig leiden, stecken sich immer wieder mit neuen Erregern an, sie kommen aus dem Teufelskreis nur schwer heraus und bei guter Prognose kommen sie mit einer reduzierten Lebensqualität davon. Betroffen sind vor allem Menschen in hohem Alter.
Vergleiche zwischen Menschen und Parteien verbieten sich eigentlich, aber wenn man der SPD eine Diagnose stellen müsste, dann wäre es eben die Multimorbidität: Die "alte Tante" leidet unter vielen Krankheiten: Abspaltungen, Flügelkämpfe, Personalprobleme, inhaltliche Unschärfen. Und hier besteht der große Unterschied zu Personen: Die Partei hat sich ihre "Krankheiten" zum Großteil selbst eingebrockt.
Der letzte große Wahlsieg gelang Gerhard Schröder 2002. Doch um welchen Preis: Vor allem in der Folge der Agenda 2010 verlor die SPD in fast allen Bundesländern massiv an Zustimmung. Das ist gar nicht dramatisch genug zu beschreiben, denn über die Macht in den Bundesländern kann man nicht nur in Berlin mitregieren, man baut auch schlagkräftiges Personal auf: Ministerpräsidenten und Minister mit Gewicht. Stattdessen landeten Ministerpräsidenten, die ihre Länder verloren haben, nach und nach im Bundeskabinett, politische Talente hatten immer weniger Ämter, um sich zu profilieren.
Noch dramatischer: Schröders und Steinmeiers (!) Agenda 2010 mag möglicherweise richtige Reformen beinhaltet haben, sie kam bei den "kleinen" Menschen aber nicht gut an. Die schwer wiegenden Folgen: Viele SPD-Anhänger bleiben der Wahlurne fern, viele Parteilinke finden in der WASG ein neues Zuhause und bilden zusammen mit der PDS eine linke Konkurrenz, die der SPD schwer zu schaffen macht. Die Linke "stiehlt" nicht nur Wähler, sondern auch linke SPD-Programmatik, denn ein großer Teil der Linken ist nichts anderes als Fleisch vom Fleische der Sozialdemokratie.
Das Hin- und Herlavieren in der Frage von Rot-Rot-Grün brachte den Patienten SPD endgültig auf die Intensivstation. Die Aussagen veränderten sich ständig: "Wenn auf Landesebene, dann nur im Osten" wurde zu:"Nur auf Landesebene, aber niemals im Bund". Und zuletzt hieß es: "Frühestens 2011 oder 2013 denken wir an Rot-Rot-Grün." Klarheit sieht anders aus. Ein Ergebnis dieses Zick-Zacks war eine Falle, aus der es kein Herauskommen gab.
Ob die Partei in der Opposition genesen wird, hängt wohl an vielen ungelösten Fragen: Wer wird die Partei führen? Bleibt Müntefering oder wird er abgelöst? Und wer soll in seine Fußstapfen treten? Auf die Wandlung Steinmeiers zum scharfen Oppositionsführer wird es ebenfalls ankommen - zumal er mindestens in Oskar Lafontaine und Gregor Gysi harte Konkurrenz bekommen wird, die zudem auf demselben Feld ackern. Außerdem muss der Fraktionschef die Flügel der Partei zu einer starken Stimme vereinen.